Ein offener Brief an Yvonne Gebauer

Sehr geehrte Frau Gebauer,

wir schreiben Ihnen diesen offenen Brief in der Hoffnung, dass mit Ihnen als neue Schulministerin des Bundeslandes NRW der Stichtag zur Einschulung überdacht, die Elternrechte in schulischen Angelegenheiten gestärkt und in Folge dessen die Rückstellung vereinfacht wird.

Unser Sohn Jonathan wurde am 30.09.2012 etwas früher als erwartet geboren. Er ist ab dem Schuljahr 2018/19 schulpflichtig. Gerne würden wir ihn noch ein weiteres  Jahr im Kindergarten betreuen lassen  um ihm die Möglichkeit zu geben, seine emotionale Reife, seine Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz weiterzuentwickeln, welche er mit fünf Jahren aus Entwicklungspsychologischer Sicht noch nicht zwingend haben muss. Unser Sohn ist ein aufgeweckter und kluger Junge. Jedoch berücksichtigen wir als Eltern u.a. die aktuelle Hirnforschung und wissen, wie wichtig es für die Kinder in den ersten sechs Jahren ist, ihre kindliche Neugierde auszuleben. Bei einer früheren Einschulung sind Lehrpläne für eine gesunde Entwicklung kontraproduktiv. Auch wünschen wir unserem Sohn die Zeit, seine emotionale und soziale Reife zu stärken. Wir sehen die Gefahr, dass die verfrühte Einschulung für unseren Sohn negative Konsequenzen nach sich zieht, die über einen längeren Zeitraum erhalten bleiben können.

Die Möglichkeit ihn zurücksetzen zu lassen ist leider in NRW sehr schwierig, so dass uns der Kinderarzt bei der letzten U-Untersuchung bereits sagte, dass wir hiermit keine Chance hätten, da er pfiffig sei und sich kognitiv nicht verstecken brauche. Dies ist jedoch nicht unsere einzige große Sorge als Eltern. Nicht die Schulreife macht uns bei ihm Sorge, sondern die SchulHOFreife.

Wir als mündige Eltern, wünschen uns bezüglich des Schuleintritts unseres Kindes mehr Mitspracherecht. Wir wünschen uns diesbezüglich eine Stärkung des Elternrechts, da wir unseren Sohn intensiver kennen, als es eine Amtsärztin kann, die ihn nur für den Zeitraum der Schuleingangsuntersuchung sieht. Gerade die Kinder, die nahe des Stichtages geboren sind bedürfen einer genaueren Beobachtung durch Eltern, Erzieher und Ärzten. Hierbei empfinden wir es als fundamentales Elternrecht, dass diese auch die letztendliche Entscheidung für den Beginn des Schulbesuches treffen sollten. Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Grundschullehrer/innen werden dem vermutlich weitestgehend zustimmen, dass Kinder mit fünf Jahren noch zu unruhig und unkonzentriert an den Schulalltag heran gehen, als dass man von einer ernstzunehmenden Schulreife sprechen kann.

Die Zeitung „Die Zeit“ veröffentlichte bereits am 16.09.2014 einen Artikel unter dem Titel „Keine fünfjährigen in die ersten Klassen“ in dem es heißt:

„…Autoren wie der Schweizer Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo betonen immer wieder, wie sehr dieses frühe Scheitern Kinder bis in die Teenagerzeit in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Auffällig bleibt im Übrigen auch nach dieser Studie, wie oft die Jüngeren eine Klasse wiederholen müssen.“

Unser Wunsch ist es, dass unser Kind, wie es in der Regel üblich ist, mit 6 Jahren eingeschult werden kann und nicht bereits mit 5 Jahren.  Es ist als Eltern frustrierend festzustellen, dass es in den anderen Bundesländern bedeutsam andere Regelungen gibt, welche genau diese Einschulung mit 6 Jahren für alle ermöglicht.  Dazu zählen Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg–Vorpommern, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Eine solche Regelung wäre ebenfalls für Nordrhein- Westfalen eine positive Veränderung.

 

Mit hoffnungsvollen Grüßen

Sebastian & Silja Zerwas

2 Gedanken zu “Ein offener Brief an Yvonne Gebauer

  1. Hallo Ihr Beiden,

    Jürgen und ich saßen gestern Abend mal wieder zusammen, um uns den Kopf über das derzeit bei uns beherrschende Thema Rückstellung zu zerbrechen…und wir tingeln zwischen Wut, Ohnmacht und Verzweiflung hin und her. Nachdem wir dann mal wieder alles mögliche zu dem Thema gegoogelt haben, stießen wir auf Euren Brief, der in mir so viel ausgelöst hat – sogar ein paar Tränen (zugegeben bin ich allerdings eh eine Heulboje ;-). Es tat gut zu sehen: wir sind nicht alleine und Ihr sprecht uns so sehr aus der Seele, dass ich beschlossen habe, den Kontakt zu Euch zu suchen…vielleicht kann man sich ja durch Ideen, Tipps und Erfahrungen unterstützen.

    Zu unsrer Situation: Im Grunde unterscheidet sie sich nur geringfügig von Eurer: nämlich durch 6 Tage…Ben ist am 23.09.12 geboren und somit laut NRW-Gesetz schulpflichtig. Auch wir haben natürlich nichts gegen die Schule – ganz im Gegenteil freuen wir uns sogar auf diese Zeit und sind uns sicher, dass Ben das großartig meistern wird…wenn die Zeit dafür gekommen ist. Auch er ist – wie Euer Jonathan – ein ganz aufgeweckter und kluger Junge. Auch uns hat man schon bei diversen Stellen gesagt, unsere Chancen lägen mehr als schlecht.

    Eure Sorge bzgl der SchulHOFreife traf unsere Sorge einfach perfekt. Beim Informationsabend einer nah gelegenen Grundschule wurde stolz das Thema „Antiagressionsprogramm auf dem Schulhof“ präsentiert…und dort soll sich ein 5-jähriger behaupten? Zumal – wie auch ihr schon gelesen habt – viele Psychologen diese frühe Einschulung für fatal halten. In einem Artikel haben wir gelesen, dass Kinder sehr schnell herausfinden, welches Kind das jüngste der Klasse ist – und damit auch das leichteste Opfer.

    Aber das ist nur ein kleiner Aspekt von vielen, der gegen diese frühe Einschulung spricht. Auch wir werden uns in Kürze an Frau Gebauer wenden. Ein weiterer Ansatz unserer Argumentation:

    Der so fest gezurrte Stichtag, an dem selbst bei Kindern, die kurz vor dem Termin geboren sind, offensichtlich nicht gerüttelt werden kann, ist aber vollkommen flexibel, wenn es um die Kann-Kinder geht. Also wenn ein Kind Ende Dezember erst 6 Jahre alt wird, kann individuell auf Elternwunsch entschieden werden, dass ein Kind eingeschult wird. Dieses Kind muss nicht nachweisen, wie unglaublich weit und intelligent es ist…eine kurze Amtsarztuntersuchung, und das Kind wird schulreif durchgewunken!! Während ein Kind, das kur VOR dem Stichtag geboren ist, nachzuweisen hat, dass es quasi am Rand zum Grenzdebilen steht, damit es noch ein Jahr im Kindergarten bleiben kann. Da stimmt doch etwas im System nicht!!! Man kann doch nicht in die eine Richtung derart flexibel sein, und in die andere nicht!!! Also können Eltern befinden, dass Ihr Kind so unglaublich weit ist, dass es schleunigst mit 5 Jahren in die Schule soll, aber Eltern, die meinen, Ihr Kind braucht noch etwas Zeit, können das nicht???

    Und wie kann es sein, dass nicht nur die anderen Bundesländer den Stichtag drei Monate früher haben, sondern zusätzlich sogar bei den Musskindern um den Stichtag herum viel flexibler sind. Wir wissen von Freunden aus Flensburg, dass sogar Kinder aus Mai und Juni ohne Probleme zurück gestellt werden – da reicht der Elternwille völlig aus.

    Auch wir finden den Stichtag grundsätzlich schon zu früh – aber wir wären schon völlig zufrieden, wenn man wenigstens drei Monate um den Stichtag in JEDE Richtung unter Einbeziehung des Elternwillens flexibel entscheiden würde.

    Und eines darf man ja nicht vergessen: So oft spielt der Elternwille eine Rolle – selbst in Momenten, in denen er auch mal fragwürdig ist. So können Eltern bei einer Hauptschulempfehlung ihres Kindes durch den Grundschullehrer, der das Kind 4 Jahre lang beobachtet hat, das Kind problemlos aufs Gymnasium drillen – dort spielt der Elternwille also eine Rolle…aber wenn wir befinden, dass unser Kind noch ein Jahr zur emotionalen Reife braucht, um einen Schulalltag zu überstehen, hat ein Amtsarzt nach 15 Minuten die alleinige Entscheidungsgewalt…

    Es ist wirklich ein Wahnsinn, dass sich Familien wie wir jetzt derart den Kopf zerbrechen müssen, und das wegen wenigen Tagen, die unser Kind zu früh auf die Welt gekommen ist – wir fühlen uns so ohnmächtig und haben das Gefühl, wir kämpfen gegen Windmühlen. Es ist so offensichtlich, dass dieses System nicht in Ordnung ist…

    Anbei aber ein kleiner Lichtblick, aus einem WDR-Artikel über dieses Thema:

    Schwarz-Gelb will Rückstellung neu regeln
    Exemplare des Koalitionsvertrages liegen in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in der Landespressekonferenz auf dem Fußboden.Im Koalitionsvertrag werden Änderungen in Aussicht gestellt
    Auch in der Landespolitik ist das Thema mittlerweile angekommen. Laut Schulministerium wurden 2015 geschätzt rund 30.000 Fünfjährige eingeschult – 20 Prozent der Erstklässler. Die künftige schwarz-gelbe Landesregierung will die derzeitige Praxis ändern. Im Koalitionsvertrag haben sich CDU und FDP darauf verständigt: „Der Entwicklungsstand gleichaltriger Kinder unterscheidet sich oftmals. Die Form der Rückstellung soll sich daher an der Entwicklung des Kindes orientieren und ist neu zu regeln.“ Soll heißen: mehr Wahlfreiheit für die Eltern.

    Also Ihr Beiden…vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung. Wir würden uns freuen, von Euch zu hören und uns wissen lasst, ob Frau Gebauer geantwortet hat.

    Einen ganz lieben Gruß aus Bergisch Gladbach,

    Jutta und Jürgen

  2. Liebe Jutta, lieber Jürgen!

    Vielen Dank für euren Kommentar! Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist mit dieser Situation und dass es auch andere Eltern gibt, die für ihr Kind kämpfen.
    Auch wir sind voller Wut darüber, wie wenig Mitspracherecht wir als Eltern haben.

    Wir sind leider noch nicht weiter gekommen, konnten jetzt aber schon die Schuleingangsuntersuchung vorziehen. Da diese nach Geburtsdatum geht, wäre sie sonst erst im Frühling gewesen, wir hätten aber gerne schon eher eine Entscheidung, vor allem für unseren Sohn, damit er und wir wissen, wohin die Reise geht.
    Evtl. ist dies auch für euch eine Option?

    Sebastian hat vor ein paar Tagen den aktuellen Stand und Teile von Yvonne Gebauers Antwort veröffentlicht: http://www.neuzeitvater.de/paedagogik-und-familie/schulpflicht-rueckstellung-in-nrw/

    Wenn ihr mögt, könnt ihr uns gerne für einen weiteren Austausch kontaktieren: silja.germund@gmx.de

    Liebe Grüße,
    Silja

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